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Theologischer Frühschoppen |
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"Die Narren Gottes" Schon wieder. Schon wieder liegst du mir im Weg. Ich kriege dich nicht los. Schwarzes Buch. Abgegriffen, durchgestöbert, durchlitten, durchforstet. Buch der Bücher - Buch der Lügen - Buch der Mißverständlichkeiten. Voll von Fanatikern, voll von Extremisten, voll von Narren. Ein närrisches Buch. Wie ein roter Faden zieht sich die Narretei durch deine Blätter. Über 100 mal ergreifst du dieses Wort. Die Narren, die Narren, die Narren. Voller Abscheu redest du von ihnen, wie eine lästige Laus willst du sie abschütteln von deinem reinen Fell. |
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Und doch sind sie irgendwie das Salz in deinem faden Eintopf aus kluger Immerbesserwisserei. Was wärest du ohne sie - eine selbstgefällige Belanglosigkeit ewiger Richtigkeiten? Eine fahle Sammlung irrtumslosen Geschwätzes? Sie kriegen's derbe von dir, die Narren. Sie haben nichts zu lachen. Gut genug sind sie, um ein Mütchen an ihnen zu kühlen. Brutale Sprüche: "Auf den Rücken der Narren gehört eine Rute!" So reden die Besserwisser - aller Zeiten. So reden die Klugscheißer, die Aufpasser der gewohnten Ordnung. So reden die, die ihre Schafe im Trockenen haben und das Trockene bedroht fühlen von der Flut des Lebens. Bedrohung kommt immer von den anderen. Von denen, die anders sind, anders denken, anders reden. Die müssen bedacht werden; mindestens mit Hohn und Spott, wenn nicht sogar mit Feuer und Schwert. Oh ihr Narren der Bibel - ihr geht mir nicht aus dem Kopf. Ihr packt mich, ihr nehmt mich mit auf euren Weg aus der Verlorenheit der Alltagsgültigkeiten. Oh ihr Narren der Bibel, wer seid ihr, wo seid ihr, laßt euch sehen, zeigt euch, zeigt's mir, was das ist, Gottes Narr zu sein! Hosea - Bruder im Narrenkleid, du hast's erfaßt: "Ein Narr ist der Prophet und wahnsinnig der Mann des Geistes!"- Die Propheten, die Narren Gottes im Angesicht kultischen Reinheitswahnes und religiöser Machtspiele. Wie haben sie sich aufgeführt, die prophetischen Narren. Was haben sie alles veranstaltet, die närrischen Propheten. Seltsame Lebensläufe, aus der Norm gefallen, unmotiviertes Zeug vom Zaum gebrochen. Jeremia: Kauft einen Krug vom Töpfer, lädt den Stadtrat und die Kirchenleitung ein, nimmt sie mit hinaus vor die Stadt - und zerdeppert vor allen Augen das Tongefäß. Und dann später: Diese Belagerung durch die Babylonier. Die Stadt ist eingeschlossen - und der Kerl kauft einen Acker - weit draußen vor den Toren. Ökonomisch unsinnig - oder doch nicht? Jahrtausende später wird einer ein Apfelbäumchen pflanzen, wenn sein letzter Tag anbricht! Amos - der Löwe von Juda. Ein grober Kerl, vorlaut und unerbittlich scharf in allem, was er sagt. Einen Obstkorb schaut er an, voll mit reifen Früchten. Reif, reif. Die Zeit ist reif. Das Obst ist überreif. Weg damit. Kein Warten mehr. Es läßt sich nicht aufhalten. Hosea - der Gebildete aus dem Norden. Heiratet eine Hure, zeugt mit ihr drei Kinder, gibt ihnen Namen, die ihnen wohl nicht viel Spaß gemacht haben: "die Unbegnadigte", "nicht mein Volk". Was denkt der Mann sich dabei, seinen Kindern sowas anzutun? Da wird doch jeder Schultag zur Tortur! Ezechiel - ehemaliger Priester, hat sich wirklich eingebildet, von einem göttlichen Gefährt nach oben gebracht worden zu sein und die Erde von außen gesehen zu haben. Packt eines Tages seine Sachen zusammen, bricht ein Loch durch seine Hauswand und stellt das Zeug am hellichten Tage vor's Haus. Und abends packt er sich das Nötigste auf die Schultern, verhüllt sein Angesicht und zieht zur Stadt hinaus. - Was werden sie gegafft haben und sich die Mäuler zerrissen. - Der Spinner, der Idiot; macht sein Haus kaputt und sich noch dazu eine Menge Streß. Warum all das, ihr närrischen Kerle? Auf welcher Spur seid ihr, die die anderen nicht sehen? Was treibt euch - heraus aus der Üblichkeit, aus der Logik, aus den Selbstverständlichkeiten menschlichen Handelns? - Narren und Kinder sagen die Wahrheit, heißt es. Die Wahrheit. Habt ihr eine Wahrheit empfunden, die die anderen gar nicht spüren konnten? Habt ihr etwas zum Ausdruck gebracht, wofür den anderen einfach die Voraussetzungen gefehlt haben? Klar - sie mußten euch für verrückt halten. Euer Tun paßte nicht in ihren Rahmen. Eure Wahrheit paßte nicht zu ihrer. Hätten sie sie akzeptiert, hätten sie ihre eigene preisgeben müssen. - Hattet ihr einen Blick, ein Gehör für etwas, das für die anderen noch hinter dem Horizont lag? - Der zerbrochene Krug: So wird auch eure Macht zerbrechen, die ihr euch so sicher fühlt. - Der gekaufte Acker: Vergeßt die Belagerung - in diesem Land wird wieder gesät und geerntet werden. - Der Obstkorb: ja, so faul und überreif ist das, was ihr hier veranstaltet. Es stinkt zum Himmel und wird zu Mist. - Die Hurengattin und ihre Kinder: Prototypen für das Spiegelbild einer ganzen Religionsgemeinschaft. - Der Auszug mit Sack und Pack: Freunde, verlaßt euch nicht auf das, was ihr euch hier eingerichtet habt. Ihr werdet euch auf die Socken machen müssen. Ihr Narren Gottes - ihr hattet keine Wahl. Ihr mußtet tun und sagen, womit ihr erfüllt wart. Ihr hattet einen anderen Blick, eine andere Witterung, einen anderen Horizont. Und die Quelle dieser Witterung habt ihr Gott genannt. Immer. Ausnahmslos. Narren Gottes seid ihr. Diese Verbindung hat euch dahin gebracht, wo ihr schließlich gelandet seid. Immer mit dem Geruch des Unpassenden behaftet, des Anstoßenden, des kaum zu Ertragenden. Der Obernarr! Der Narr der Narren! Als hätte es nicht schon genug davon gegeben. Er topt sie alle. Von seiner Familie kriegt er es quasi "schriftlich" - in aller Öffentlichkeit: Der spinnt: "Die Seinen gingen hinaus und wollten ihn halten, denn sie sprachen: Er ist von Sinnen!" - Gut gemacht, Jesus. Hast dich emanzipiert - von deinen Eltern, von deiner Großfamilie. Hast sie hinter dir gelassen, dir eine neue Familie gesucht, unabhängig von Blutsbanden. Hast wohl viele Jahre lang brav und unauffällig dich eingegliedert, bis er dich gepackt hat, der Narrenblick der Wahrheit, das Flüstern des Aufbruchs. Hast nichts mehr so sein lassen können, wie es war. Hast dich mit allen angelegt, die etwas zu sagen hatten. Bist der Lampe schließlich zu nah gekommen und darin verbrannt. Verrückter. Ver-rückt hast du die Pfeiler ewiger Wahrheiten, die diejenigen eingerammt hatten, die obendrauf saßen und ihre Existenzberechtigung daraus bezogen. Jesus - du närrischer Menschenfreund. Eigentlich immer ganz umgänglich und hilfsbereit. Aber immer, wenn's drauf ankam - knallhart: Tausende von Juden stressen sich am Sabbat ab, um nur nichts falsch zu machen, damit endlich der Messias kommt - und du läßt es lässig zu, daß deine Kumpels sich an Getreidefeldern bedienen. Gegen Sonntagsarbeit scheinst du nichts zu haben, sonst hättest du am Sabbat keine Kranken geheilt. Die anderen fasten und knoten sich die Mägen zu - und du und deine Kumpels frönen dem Essen und den Getränken: "Was soll das jetzt - es ist Zeit zu feiern; wir haben begriffen, daß das Leben ein Fest ist!" Und die ständige Wascherei, das Getue mit dem koscheren Essen und das Fitzelgepfrieme um die kultische Reinheit - es interessiert dich nicht. Innere Reinheit geht vor äußerer. Kümmert euch gefälligst darum und laßt mich in Ruhe essen! Und dann fast das Gröbste: Stellst einen Ketzer als Vorbild hin gegenüber pflichtbewußten religiösen Autoritäten: Der Samariter - Glaubensabtrünniger - dein Paradepferd in Sachen Menschlichkeit. Na, und vor den Weibern der Ketzer hat es dich auch nicht gegraust: Tratscht stundenlang mit einer dieser Damen an einem Brunnen, läßt dich bedienen und akzeptierst sie auch noch als Anhängerin. Todsünden schaffst du einfach ab. Ehebruch mit Todesfolge? - Nicht von denen ausgesprochen und vollzogen, die selber Dreck am Stecken haben. Sie haben dich nicht gemocht dafür, daß du ihnen den Stein gezeigt hast, mit dem sie nicht werfen konnten. Und das Schärfste: Du hast die ganze Kiste von Religion und Menschentum auf einen Punkt gebracht. Du hast das Zauberwort gefunden - und darüber lachen heute noch viele: Liebe. Liebe Gott und liebe die Menschen - und liebe dich! So einfach. - So einfach? Ich fürchte, es hat dir keiner geglaubt. Ich fürchte, du hast dich lächerlich gemacht damit. Wer riskiert es schon, zu lieben und vielleicht selbst nicht geliebt zu werden? Wer gibt schon gerne Macht und Sicherheit preis, um sich auf das Abenteuer des Lebens einzulassen? - Die Liebe - das war deine Narretei. Von ihrer göttlichen Quelle hast du gelebt, ihre Wahrheit hast du empfunden, ihre Kraft hast du weitergegeben. Du hast dich totgeliebt, du Narr! - Wie auch immer - du wolltest es so. Immerhin hast du mich damit infiziert. Den liebenden Gott suchen, Inseln dieser Energie zu schaffen, wegzugehen aus Feldern der Lieblosigkeit - das ist auch meine Narretei geworden. Was hab' ich getan im letzten Jahr? Ich habe mir Luft gemacht. Nein - nicht mir: dem in mir, was mein inneres Feuer geworden ist. Ich habe dem Luft gemacht, was in meinem Pfaffentum keinen Platz hatte und doch rings um mich überall da war. Ich habe mich auf die Seite der Wahrheit geschlagen und Dinge bei ihrem richtigen Namen genannt: Es ist nicht alles Gott, was nach Kirche riecht. Es ist nicht alles Gott, was alt ist. Es ist nicht alles Gott, was der Mehrheit dient. - Hab' ich mich zum Narren gemacht? Belächelt bin ich worden - von sauertöpfischen Grinsgrimassen. Bemitleidet bin ich worden - von karrierebeflissenen Richtigdenkern. Beneidet bin ich worden - von impotenten Heißluftbläsern. Und dann dieses brüderliche Schweigen, diese Mauer aus Nicht-Reaktion, dieses verlogene - verlegene Wegschauen und heimliche Hinterherschauen. - Hab' ich mich zum Narren gemacht? Hätte ich all das nicht tun sollen? Nicht diese Predigt? Nicht die Presse? Nicht das Dagegenhalten? Nicht das Aussteigen? - Ich hatte keine Wahl. Nicht mit diesem Virus in der Seele. Der Virus der Wahrheit, der Lebendigkeit, der Liebe. - Lüge, Tod und Haß gibt es genug in dieser Religion. - Nicht mein Platz. Nicht mit diesem Virus in der Seele. Sein leises und beständiges Flüstern hat mich aufgeweckt. Das Flüstern dieser Stimme hat mich in Bewegung gebracht. Ich hab' mich bewegt. Ich hab' mich unterschieden. Ich hab' mich unterscheidbar gemacht. Hab' getan, was anderen töricht schien. Hab' geredet, wo andere schweigen. Hab' gehandelt, wo andere zurückzucken. Hätte ich es in diesem Leben nicht getan, hätte ich das nächste dafür gebraucht. Wozu dieser Umweg? Jetzt war die Zeit. Jetzt ist die Zeit. Die Zeit, ein Narr zu werden. Ein Narr Gottes. - Amen? - Amen. |
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