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Liturgische Schlachtschüssel

Das andere Symbol

das Weltenkreuz, das kosmische Kreuz, das "Keltenkreuz" - Bezeichnungen für dieses Symbol, das wir eben aus dem Kruzifix gebaut haben. Bezeichnungen, die darauf hinweisen, daß dieses Symbol älter ist als das Kruzifix. Daß es schon vor der "christlichen Religion" bestanden hat. Daß es universaler ist und nicht auf eine einzige religiöse Richtung beschränkt.

Gleichzeitig wird es das "Rad des Lebens" genannt und kann uns in seiner Struktur wichtige und weiterführende Impulse geben:

über meine persönliche Existenz, über meine Zuordnung zu den anderen persönlichen Existenzen, über grundlegende Felder unserer gemeinsamen Realität.

Vier Schenkel hat dieses Kreuz, vier gleich lange; keine Dominanz des in den Boden gerammten Pfahles. Vier Richtungen deutet es an, vier Bereiche stellt es dar. Jeder dieser Bereiche hat seine eigene Qualität, unterscheidet sich von den anderen. Alle sind sie gleichberechtigt, obwohl nicht gleich. Verbunden sind sie durch ein Band der universalen Harmonie aller Realität. Alles ist miteinander verbunden, alles aufeinander bezogen, in aller Verschiedenheit schwingt dieselbe - göttliche - Energie.

Ein paar Gedanken zur Vierzahl - aufgehängt an den vier Himmelsrichtungen:

Der Norden - oben. Er symbolisiert das Element der Luft und des Windes. Die Kraft von Logik, Wissen und Weisheit sitzt hier. Ein Verstehen, dem konkrete Erfahrungen und Einsichten zugrunde liegen. Eine klare Wahrnehmung davon - wie klare Luft - das wahr ist. Der Verstand, offen wie ein Gefäß, so flexibel wie möglich, damit er alle Bereiche auf dem Rad des Lebens erfassen kann. "Auf Empfang sein", offen sein für alle Impulse dieses großen Rades, denn alle Impulse sind wichtig. Welch eine Qualität: Empfangen können, sich beschenken lassen von der Fülle des Lebens, die sich im Bruchteil von Zeit und in einer Winzigkeit entfalten kann: in einem Augen-Blick genauso wie in einem Gedankenblitz.

Der Osten - rechts. Sein Element ist das Feuer, sein Stern die Sonne. Im Osten geht sie auf, bringt das Licht, die Erleuchtung, gebärt neues Leben und schafft Visionen und Begeisterung. Das Feuer in uns, der Geist, ist der Ansprechpartner dieser Energie. Der Geist, der unseren Verstand dirigiert und unseren Körper ausbildet. Hier weiß ich, wofür ich wirklich hierher auf diese Erde gekommen bin. Hier pulsiert meine Kreativität, hier schaffe ich das, was nur ich schaffen kann auf diesem Planeten. Hier finde und empfinde ich meine Bestimmung.

Der Süden - unten. Das Element des Wassers und die Kraft von Vertrauen und Unschuld. Sich ins Wasser fallen lassen. Davon ausgehen, daß es trägt. Sich dem Wissen anvertrauen, daß es etwas gibt, das größer ist als wir oder als das, was wir kennen. Die Unschuld, die Angst für unmöglich hält. Das Fließen und Mitgenommenwerden vom Strom des Lebens, der aus jeder Richtung zum selben Ziel führt. Geben und Hingabe. Sich hingeben. Sich er-geben diesem großen Strom, in dem wir alle verbunden sind, weil wir alle darin schwimmen.

Der Westen - links. Das Element der Erde, der Bereich der Materie, der Körper, des Körpers. Nahrung und Einsicht - und das ist so etwas wie "geistige Nahrung" - sind hier die Kraftquellen. Energie wird gewonnen und gehalten, gespeichert. Unser Körper ist ein solcher Energiespeicher. Er will genährt und gepflegt werden, damit er sich stabilisieren kann und die Energie dann abgeben kann, wenn sie gebraucht wird. Der Westen ist auch der Bereich des Todes, der uns wieder mit der Erde in innige Verbindung bringt und uns zeigt, wie nahe verwandt wir ihr sind.

Vier Richtungen und Elemente, vier Energien und Daseinsebenen. Jede erschließt einen Raum unserer Existenz, der uns zur Verfügung steht. Jede hat ihre Eigenart und findet gleichzeitig ihren Platz in der harmonischen Zuordnung aller. Es besteht ein Gleichgewicht. Keine der Richtungen ist dominant. Alle sind sie ausgewogen aufeinander bezogen, so wie ein Tag sich vom Morgen zum Mittag hin in den Abend und die Nacht neigt. Ein Spiegelbild meines Lebens. Ein Symbol für das Werden, Sein und Wiederwerden aller Realität.

Im Zentrum: Die eine Kraft, der eine Atem. "Ruach" genannt in den biblischen Schöpfungsberichten. "Chi", "Prana" oder "Ki" in anderen Traditionen. Die reine Lebensenergie, die alles Leben und alle Kraft möglich macht. Ei und Samen aller Schöpfung. Der göttliche Hauch. Aus Nichts wird ein Universum, aus einer Zelle ein Organismus. Die Lust, zu werden. Der Wille, zu sein. Dieses Zentrum finde ich immer, egal, aus welcher Richtung ich mich nähere. Es gibt nur die eine zentrale Energie, die alles hier zusammenhält. Sie ist auch das, was alles miteinander verbindet. "Wenn ein Grashalm abgeschnitten wird, erzittert das Universum", sagen die Taoisten. Wenn ein Gedanke gedacht ist, zieht er hinaus ins Universum und ist ein neuer Bestandteil dieses großen Konzertes. Und wenn Sie einen Stein in den Bodensee werfen, dann verändern Sie dadurch den Wasserpegel - glauben Sie's mir! - Alles ist miteinander verbunden, "alle sind wir Schwestern und Brüder", sagen die Romantiker oder die frommen Herzensbrecher. "Gott läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte", sagt der nicht studierte Theologe Jesus aus Nazareth in Palästina.

Das Weltenkreuz. Dieses Symbol gibt der Lebenskraft Raum statt der Leidenssucht. Es zeigt die Verbundenheit statt der Trennung. Es eröffnet Bereiche, statt sie zu verschließen. Und es ist beweglich statt starr. Es ist nicht eingehämmert wie ein fester Standpunkt, sondern es ist in harmonischer Bewegung - ein Rad. Es lädt mich ein, meine Wurzeln zu spüren, die sich ganz tief unten mit den Wurzeln aller anderen verbinden. Es beflügelt mich, meine Rolle im Universum zu finden, die meine ganz ureigenste ist. Und es ermöglicht mir, nach rechts und nach links zu schauen und überall Verwandte zu sehen. Feinde werden überflüssig, Haß und Angst ebenfalls.

Das Rad des Lebens - ein Impuls für mich, mir klarzuwerden, daß wir alle auf derselben Reise sind: Auf dem Weg zu unserem Ursprung. Dieser Weg ist da. Er braucht nicht erkauft zu werden oder mit Blut gewaschen. Er ist in jeder Sekunde und an jedem Ort möglich.

Ich denke, Jesus trug dieses Weltenkreuz im Herzen. Er hat so gelebt und diese Bereiche durchschritten. Sein Gott war ihm Vater und Mutter zugleich, Ursprung und Ziel, Boden unter den Füßen und Luft zum Atmen. Jesus war auf dem Weg, diese Gottesbezogenheit abzubilden in einer Art, miteinander zu leben. Daß man ihn mit Gewalt daran gehindert hat, ändert nichts an der gewaltigen Dynamik seines Weges. Diese Dynamik findet sich im Symbol des Weltenkreuzes wieder, ihre versuchte Verhinderung im Symbol des Kruzifixes. Welches Symbol hätte Jesus wohl gewählt?

 
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