zur Person zurück zu den Events
 

Kneipenpredigt

Christus spricht: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen.

Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?.- Eigentlich eine Unverschämtheit, Sie heute Abend mit dieser Frage hier zu überfallen. Eine tödliche Frage. Ein Gedanke wie ein Pfeil, eine Vorstellung, die wie lähmendes Gift in die Adern schießt, die sich wie geronnenes Blei in alle Kanäle meiner Lebendigkeit zwängt! - Schockgefroren.- Eben noch am Bier genippt - und nun das.Eben noch eine Kippe angezündet - und nun das. Eben noch über das nächste Wochenende gealbert - und nun das: Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte? - Ein Gedanke wie ein Blitz, wie ein elektrischer Schlag, wie ein Fallbeil.- Und doch: Womöglich haben Sie sich die Vorstellung schon einmal ausgemalt.

Wie wäre das - mein letzter Tag? Wie wäre das, meine letzten Schritte, Worte, Gedanken? - Man kann ja nun nicht gerade behaupten, daß wir in einer Kultur leben, die besonders aktiv mit Sterben, Tod und Trauer umgeht. Wo es geht, wird der Tod in die hinteren Reihen abgeschoben, es sei denn, er besitzt Sensationsgehalt, Gafferqualität und TV-Verwertbarkeit. Aber der ganz normale, gelegentliche Tod - wo spielt er sich ab? Manchmal gänzlich unbemerkt und übersehen. "Toter saß 4 Jahre lang vor dem Fernseher...". - so stand es neulich in der Zeitung.

Eine Zumutung also, diese Frage. Aber, wie gesag: Vielleicht hat sie mich schon einmal überfallen. Bei einer Gelegenheit, die ich nicht vorhersehen konnte. Heute Abend kann ich sie vorhersehen, kann ich mich darauf einstellen; kontrolliert sozusagen, in einer Umgebung, die mich vor dem Bodenlosen schützt, die mich ein wenig umhüllt - da sind noch andere, die jetzt denselben Gedanken denken. Eine Umgebung, in der ich mich auch bei Bedarf verkriechen kann wie in eine Höhle, wie in einen Schoß, wenn mir das zu unerträglich wird, diese Frage.

Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte? - Ich möchte Sie teilhaben lassen an einigen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gehen:
Zunächst: Meine Zeit - wie knapp sie auf einmal wird. Sie ist begrenzt und auf einmal viel kostbarer. Ich habe ja auch keine mehr zu "verschenken". Wem also will ich sie schenken? Wofür will ich sie verwenden? Womit will ich die Augenblicke füllen, die ich noch habe? Bilder drängen sich in mein Hirn - Bilder von Orten, Plätzen, Menschen, Gesichter, Stimmen, Geräusche, Gerüche - Reales vermischt sich mit Erträumtem, Erlebtes mit Erwünschtem. Meine Zeit, meine wertvolle, knappe Zeit. Was ist noch wert genug, sie dafür zu verwenden? Wer ist noch nahe genug, mich zu erreichen? - Ich merke, wie sich mein Leben auf einmal sortiert - in Wichtiges und Unwesentliches, in Bedeutendes und Nebensächliches. Vielleicht überrascht mich die Auswahl, die mein Inneres da trifft. Vielleicht gibt es auch "feste Plätze", die unverrückbar ihre Wichtigkeit behalten.- Eines ist klar: Jeder Augenblick fordert auf einmal von mir, es wert zu sein, gelebt zu werden, Alles, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, bekommt auf einmal etwas Einmaliges, Unwiederholbares. Meine Zeit ist kostbar. Wie sorgsam und respektvoll ich sie auf einmal betrachte. Vielleicht werde ich sie mir ab jetzt nicht mehr so oft stehlen lassen, von lästigen Quasslern, von unpünktlichen Verabredungen, streikenden Computerprogrammen - Jede Sekunde meines Lebens habe ich nur einmal.

Und noch etwas: Es fallen mir Dinge ein, die ich noch tun muß! Die auf keinen Fall ungetan bleiben dürfen.-Unerledigtes. Ungeklärtes. Ungesagtes Unvergebenes.- Alle "Un`s"meines Lebens schieben sich auf einmal drängelnd in den Vordergrund, wollen nicht länger übersehen werden, wollen getan und gesagt sein. "Ach, hätte ich doch längst...." Vielleicht ist es gerade dieser Gedanke, der mich an lästige Versäumnisse erinnert, die sich unter dem Teppich träger Verdränglichkeit aufgetürmt haben. Jetzt muß ich sie loswerden, diese "Un`s"- alle die nicht geführten Gespräche, alle die nicht getroffenen Entscheidungen, alle die nicht gezogenen Konsequenzen. Alles, was ich schuldig geblieben bin, mir und anderen. Frei möchte ich davon sein, klar möchte ich das haben, geklärt, wissen möchte ich, woran ich bin mit meinem Leben in dieser meiner letzten Zeit. Wahrhaftigkeit kommt mir in den Sinn und Deutlichkeit. Keine Mißverständlichkeiten mehr, keine Taktiererei: Überflüssig. Mein letzter Tag. Kein Platz für Halbheiten.

Ein drittes: Abgesehen von allen praktischen Abläufen: Testament. hab` ich eins? Beerdigung - weiß da wer Bescheid, wie ich das haben möchte? Erbe - ist mir etwas besonders wichtig dabei? - Abgesehen also davon: Die Frage: Was bleibt? Was bleibt von mir nach diesem meinem letzten Tag? Welche Spuren werde ich hinterlassen in dieser Welt? Zu welchen Spuren wird mein Leben, das ich bis heute gelebt habe, führen? Sind es die Kinder, ein Haus, eine berufliche Leistung, ein Werk? Wie geht es mir damit, wenn ich das denke, was mein Leben als meine Spuren hinterlassen wird? Ist es mir Recht, bin ich stolz darauf, zufrieden damit, ist es mir peinlich, unangenehm, bereue ich etwas davon? Was ist es, das bleibt von mir angesichts dieser Frage: Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte?

Liebe Schwestern und Brüder: Mitten hinein in dieses Kaleidoskop von Bildern, Gedanken und Gefühlen drängt sich mir der Satz eines Mannes, der für sich eine Antwort formuliert hat auf diese Frage. Eine Antwort, die wie ein Fremdkörper wirkt inmitten des Trommelfeuers meiner eigenen Empfindungsblitze: "Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge", sagt er, "dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen". Martin Luther war es, der ketzerische Mönch, der sich so seinen letzten Tag vorgestellt hat. "Cool" - würde man heute vielleicht dazu sagen. "Echt abgehangen, der Typ" - gaaanz gelassen. Ja, irgendwie schon. So, als ob ihn das gar nicht stören würde, was da morgen passieren soll. So, als ob es gar nichts ändern würde an seinem Lebensgefühl, an seiner Lebensplanung. Ökonomisch betrachtet ein Schwachsinn, Fehlinvestition. Offensichtlich kommt es ihm gar nicht auf die Ernte an. Das Pflanzen ist angesagt, egal, was daraus wird. Offensichtlich hat er tatsächlich nichts Wichtigeres zu tun diesem seinen letzten Tag. - "Wie schön" - schießt es mir da fast neidvoll in den Sinn - wie schön, wenn einer so gelassen auf sein Ende zugehen kann. Wenn einer seinen letzen Tag so leben kann als wäre es sein erster. Was hat den Mann dazu gebracht? Welche Einsicht oder Erkenntnis hat ihm diese fast ignorante Lässigkeit verliehen? - Ich vermute mal, er hat bei einem anderen nachgelesen. Bei einem, der sozusagen zu seiner Lieblingslektüre gehörte. In einem ziemlich alten Schinken, aber für Luther die brandaktuelle Infothek überhaupt. Paulus, der Heidenmissionar. Sein Brief an die Römer - für Luther sozusagen "Götterspeise". Und vielleicht hat ihn gerade die folgende Stelle gepackt und beseelt (Röm 8, 38-39)."Denn davon bin ich überzeugt", schreibt Paulus: "Nicht Tod und nicht Leben, nicht Engel, nicht Mächte, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges, keine Gewalten in der Höhe oder in der Tiefe und keinerlei andere Kreaturen werden die Macht haben, uns zu trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn ist." - Ob ich heute auch ein Apfelbäumchen pflanzen würde? Vermutlich nicht - es ist ja auch nicht jeder Monat die beste Pflanzzeit! -

Ob ich heute auch diese Worte benützen würde, um auszudrücken und zu erklären, daß der Tod nicht nur ein Feind ist, der mir an den Kragen will? Ganz sicher nicht. Diese Worte sprechen aus einer anderen Welt und viele ihrer Begriffe haben mit der unseren nichts mehr zu tun. Aber sie hinterlassen ein Echo bei mir, und das kann ich formulieren. Ein Echo, gebrochen an den Wänden, Ecken, Kanten, Kluften meines heutigen Erkenntnis- und Bewußtseinsstandes:
Was ist der Tod? Ein Feind - ein Freund? Keines von beiden. Er ist einfach da. Er gehört einfach dazu. Das weiß ich doch. Vom ersten Tag an. Ich könnte es mir jeden Tag klarmachen: Mein Leben hier ist endlich. Es hat seine Grenzen. Was ist daran so schauderhaft. So ist es nun mal - überall, wo Leben ist. Kommen, wachsen, reifen, gehen. Sich dagegen sträuben heißt Lebensenergie binden und verschwenden. Der Tod ist nicht das Problem. Das Sterben schon eher. Angst vor dem Sterben fährt mir schon eher durch die Glieder. Es könnte Schmerzen geben. Es könnte lange dauern. Immerhin: Ich kann Vorsorge treffen, kann vorsorgliche Anweisungen formulieren für den Fall der Fälle. Immerhin.- Und dann: Was wird mit mir? Bedeutet das Sterben meine Auflösung, meine Vernichtung? Was kommt danach? Es ändert nichts, ob etwas und was danach kommt! Es ändert nichts an der Tatsache, daß ich bin , was ich bin. Eine Ansammlung von Molekülen, sagt der Materialist in mir. Werden sie sich in Nichts auflösen? Das können sie gar nicht. Sie werden andere Verbindungen eingehen, werden vielleicht ins All hinaus geschleudert und zu anderen Sternen segeln. Es ist schon so: In jedem Atom trage ich den Kosmos in mir - nichts wird diese Verbindung beenden. - Ich bin, was ich bin. Ein geistiges Wesen in einem körperlichen Gewand, sagt der spirituell Bewußte in mir. Was soll mir geschehen? Es trennen sich meine Bestandteile. Energie kann nicht verloren gehen. Wie immer meine "Seele", mein "Selbst", mein "inneres Geistwesen" auch beschaffen ist - es wird seiner Art entsprechend in einer von Raum und Zeit nicht mehr beengten Wirklichkeit seinen "Platz" finden. Es geht nichts verloren. Alles besteht aus Kreisläufen, Verbindungen, Übergängen, Verwandlungen, Rückführungen. Und man muß kein Spiritist sein, sondern nur ehrlicher Physiker, um das Vorhandensein vieler, vieler anderer Realitäten um uns herum - zeit- und raumgleich - einzugestehen und zu akzeptieren. " Nichts trennt uns von der Liebe Gottes", so sagte es Paulus. Tiefsinnige Überlegungen oder ein Blick in den Abendhimmel können zum gleichen Ergebnis führen: Ja. Umgeben, umrundet, umwoben bin ich. Es gibt kein "Außerhalb".

Was wäre, wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte? - Ich denke, ich würde Reisevorbereitungen treffen - für die Reise von daheim nach daheim. Amen.

Und der Friede Gottes, der alle unsere Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne im Geiste Jesu. Amen.

zum Seitenanfang zurück zu den Events
Impressum