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Wenn das Leben ein Geschenk ist...- Gedanken zu einem mehr als weihnachtlichen Wunder. |
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Wenn das Leben ein Geschenk ist, dann stellt sich die Frage, weshalb seine Erhaltung genau das kostet, was es erhalten soll. Wenn das Leben ein Geschenk ist, weshalb dann wird die Entfaltung dieses Geschenkes gerade durch diejenigen Aktivitäten verhindert, die es sichern und entwickeln sollen? Wenn das Leben ein Geschenk ist, weshalb dann seine wundersam hohen Folgekosten? Sachlich betrachtet ist es doch so: Wir bekommen unser Leben geschenkt. Keiner von uns hat es bestellt, und niemand würde es gleich wieder abbestellen, hat er erst einmal das Licht dieser Welt erblickt. Ein solcher Neuankömmling wird vor Forderungen verschont: Er wird versorgt und umhegt - mehr oder weniger. Jedenfalls bekommt er alles, was ihm geboten werden kann. So weit, so gut, so geschenkt. Eine feine, aber folgenschwere Veränderung tritt ein, sobald der Neue in der Lage ist, selbständige Handlungen zu seiner Versorgung auszuführen. So weit, so gut, aber nicht mehr geschenkt. Ab jetzt kostet das, was wir Leben nennen. Für ein Gut, das er weder bestellt hat noch das ihn anfangs durch seine Erhaltung belastet hat, wird er nun zum Engagement gebeten: Lebenserhaltung ist angesagt. Und die kostet. Plötzlich ist nichts mehr umsonst: Essen, Trinken, Wohnen. Plötzlich benötigt der nicht mehr ganz Neue immer mehr Zeit und Energie, um die Bedingungen sicherzustellen, in denen er dann sein größtes Geschenk - sein Leben - auspacken kann. Die makabre Folge ist in der Regel ein grandioses Mißverhältnis: Die Lebenserhaltung wird immer aufwendiger, verschlingt immer mehr an Lebensraum, läßt immer weniger Volumen für das, wozu das ganze Spiel eigentlich dient: Den Genuß dieses wundervollen Geschenkes. Und noch dazu: Der Wert dieses Geschenkes schwindet mit der Zeit. Versicherungen zahlen für einen früh Verunglückten horrend viel mehr als für einen spät Verunfallten. Begräbnisse von Betagten werden mit Achselzucken zur Kenntnis genommen, Jünglinge mit wutverzerrter Trauer zu Grabe getragen. Sie hatten doch ihr Leben noch vor sich. Wirklich? Das denken Rentner auch. Die wollen auch endlich ihr Dasein genießen, so, wie sie es sich seit Jahrzehnten gewünscht haben. Dafür haben sie gebuckelt all die Jahre. Dafür haben sie zurückgelegt bis aufs Nötigste. Dafür haben sie verzichtet auf - auf Lebensqualität? Das Geschenk des Lebens scheint immer weniger wert zu werden, je mehr wir für seine Sicherung aufwenden. Profitieren dürfen davon lediglich die Nachkommenden, die die Versicherungen abkassieren, die den Versicherten überlebt haben. Das Geschenk des Lebens scheint seine Beschenkten zu fressen, wenn sie es mit Leistung und Disziplin sattgefüttert haben. Lebensplanung nennt sich das. Je mehr Planung, desto weniger Leben. Was also wird tatsächlich geplant? Sachlich betrachtet nur der seichte Abgang. Das Spiel müßte doch auch anders herum funktionieren: Das Geschenk des Lebens für bare Münze nehmen. Davon ausgehen, dass in der Tat alles geschenkt ist. Dass Lebenserhaltung möglich ist, ohne dafür zu bezahlen. Dass das, was die Grundbedingungen unseres Daseins ausmacht, kostenlos und für alle frei verfügbar ist: Essen, Trinken, Wohnen. Das einzige Eigentum, das diesen Namen dann noch verdienen würde, wäre die Tatsache meiner Lebendigkeit. Das darf mir keiner nehmen, denn ich habe es persönlich geschenkt bekommen. Alles andere war schon da, bevor irgendjemand von uns diesen Boden betrat. Alles andere ist Besitz des Lebens an sich und niemals eines Individuums. Dieses Spiel kann gespielt werden. Wo würde jemand damit landen? Jemand, der auf Existenzsicherung verzichtet und davon ausgeht, dass auf diesem Planeten alles ausreichend zur Verfügung steht, um die Leben aller Beschenkten zu erhalten. Der sich dem Zwang entzieht, Sicherheit zu schaffen und dabei sein Lebensgeschenk zu verbrauchen. Wo würde jemand mit einer solchen Lebens-Einstellung landen? Der Zauber von Weihnachten scheint von einem Kind auszugehen, das von einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens an anders gelebt hat als seine Zeitgenossen. Der Nazarener Jesus, dessen Geburt uns mit dem Termin des alten heidnischen Lichterfestes in Erinnerung gebracht wird, hat das Geschenk des Lebens sehr naiv ernst genommen. Er hat so getan, als sei wirklich alles umsonst. Er hat gegessen, getrunken und geschlafen. Und er hat nie dafür bezahlt. Lohnarbeit hielt er für sich für überflüssig. Er hat seine Umgebung als ihm zur Verfügung stehend betrachtet, er hat die kostenlosen Schönheiten der Blumen und des Himmels genossen und war sehr reserviert gegenüber kostenpflichtiger Religiosität. Er hat die Gesellschaft von Menschen in Anspruch genommen, die genau diese Einstellung an ihm zu schätzen wussten. Seine wichtigste Aufgabe sah er darin, über dieses Geschenk seines Lebens immer mehr herauszufinden, indem er es ausgepackte und damit gespielt hat. Sicher - er hat mit seinem Leben gespielt. In den Augen der Lebenserhalter war er ein sorgenfreier Störenfried. Er hat mit seinem Leben gespielt und den Sprung ohne Netz gewagt. Eigentum und Karriere bedeutete ihm nichts, Einsicht und Erkenntnis der Zusammenhänge von Gott und Welt alles. Wo würde jemand damit landen in unserer Gesellschaft? Jemand, der das Geschenk des Lebens einfach als solches nimmt, sich bedankt und drauf los lebt. Jemand, der sich dem Umkehrschub der Lebenserhaltung entzieht und stattdessen den Aussenblick bewahrt für diesen unerhörten Vorgang: Von irgendwoher fallen wir in ein gemachtes Nest und haben die Wahl, daraus eine Burg zu bauen oder uns in unseren Nestern zu besuchen. Wie könnte die Entscheidung ausfallen? Ja, also wenn das Leben ein Geschenk ist, ... |
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Ernst Cran, November 2000 |
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