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Erklärung zu meinem Kirchenaustritt am 1.11.1999

  1. Mit dem heutigen Schritt schliesst sich für mich der Kreis einer Entwicklung, die in ihrer öffentlichen Wahrnehmbarkeit mit den Auseinandersetzungen um das Video der "GROBEN POPEN" im Mai 1997 begann, sich in den Reaktionen auf meine "Predigt-Meditation zum Apostolischen Glaubensbekenntnis" am 22.02.98 verschärfte und schliesslich nach der Ablehnung meiner Übernahme in ein Pfarrerdienstverhältnis durch die bayerische Landeskirche am 27.03.98 zu meinem Ausscheiden aus dem Dienstverhältnis als Pfarrer zur Anstellung mit dem 31.08.98 führte. Der im Anschluss unternommene Versuch, meine kreativen Möglichkeiten im Rahmen einer Tätigkeit bei der Stadtmission Nürnberg e.V. einzubringen, wurde von der Landeskirche zum 30.06.99 als Reaktion auf meine Veranstaltung "Liturgische Schlachtschüssel" vom 03.04.99 beendet.

  2. Diesen äusseren Abläufen entspricht eine innere Entwicklung, an deren Ende für mich die Klarheit steht, dass meine persönlich gewonnenen theologischen, historischen und psychologischen Einsichten eine Mitgliedschaft in einer Kirche verzichtbar machen. Ich gebe damit den Anspruch auf, mich als "evangelisch-lutherischer Christ" zu äussern. Ich habe den inhaltlichen Konsens dieser Überzeugungsgemeinschaft innerlich verlassen und gebe dem nun auch äusserlich Ausdruck. Alle meine künftigen Äusserungen werde ich von nun ab "von aussen" tun, d.h. von einer Position ausserhalb kritisch die Wirkungs- und Funktionsweise des Gebildes "Kirche" beleuchten.

  3. Gleichzeitig verabschiede ich mich damit von der Weltanschauung "Christentum". Diese hat nach meiner Überzeugung weder inhaltlich noch historisch Berechtigung, sich auf den Juden Jesus als Gründer zu berufen. Ihrem tatsächlichen Gründer, dem Apostel Paulus, aber spreche ich die theologische wie auch die menschliche Legitimation ab, als Verkünder ewiger Wahrheiten verstanden werden zu dürfen.

  4. Meine Religiosität hingegen hat sich durch den Ablösungsprozess von der Struktur "Kirche" immer mehr verdichtet und profiliert. Ich verstehe heute ihre Grundlage als Eingebundensein in einen grossen universalen Zusammenhang von Realität. Der Einklang mit diesem "Kreis" ermöglicht ein harmonisches "Sein mit sich selbst", das heilenden Effekt hat. Durch die ideologiefreie Annäherung an solche grundlegenden spirituellen und seelischen Erfahrungsebenen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass Erlösungsreligionen überflüssig sind. Was die Welt braucht, ist Heilung statt Erlösung. Die dem Menschen dazu helfenden Einsichten und Wahrheiten aber trägt er immer schon in sich selbst. Diese Wahrnehmung mache ich auch in meiner neuen beratenden Tätigkeit als Coach. Mein Arbeitszimmer erkläre ich demnach ab sofort zur "dogmatikfreien Zone" (die theologischen Antiquariate dürfen sich auf Ware freuen!).

  5. Im Vergleich dazu beharren die beiden grossen Kirchen auf den Denkvoraussetzungen der Antike wie des Mittelalters: Die am letzten Wochenende von Lutheranern und römischen Katholiken unterzeichnete "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" zeigt dies in aller Deutlichkeit. Sie darf auf der politischen Ebene als der Versuch einer grossen Koalition und auf der wirtschaftlichen Ebene als die Vorstufe einer Fusion verstanden werden. Gemeinsam ist beiden Betrachtungsweisen das Bemühen um Kräftekonzentration angesichts schwindender Markt- und Machtanteile. Die Erlösungsverkäufer bündeln ihre Kräfte, um Kundenpotentiale zusammenzuführen. Die dafür ins Zentrum genommene Frage, wie der Mensch einen "gnädigen Gott" bekommen könnte, ist für aufgeklärte und religiös autonom empfindende Menschen unserer Gegenwart schlicht irrelevant. Der dogmatisch postulierte Graben zwischen Gott und Mensch, der durch Erlösungsgaben zu überwinden wäre, gleicht dem Vorhaben eines Arztes, der dem Patienten eine willkürlich gestellte Diagnose verpasst und ihm gleichzeitig das allein wirksame Medikament verkauft, das er natürlich selbst herstellt und vertreibt. Völlig ausser Betracht bleibt dabei die Frage, was dieses Medikament bei dem Patienten bewirkt und welche Nebenwirkungen es hat! Das Gottes- und das Menschenbild hat sich hierbei seit dem Mittelalter durchgehend erhalten: Die "beleidigte Leberwurst" Gott ist zwar grundsätzlich zum Gewaltverzicht bereit, will aber vom "Lausejungen" Mensch, der völlig willkürlich gesetzte Auflagen verfehlt hat, durch möglichst sühnegeeignete und entsprechend lebensfeindliche Moral gebauchpinselt werden, bis der die bloße untätige Anwesenheit des Beleidigten schon als Erlösung begreift - big brother is watching you, but not hurting you! Die in der Erklärung beschworene Wiedererlangung der Einheit der Kirchen hat es im übrigen historisch nie gegeben - ganz im Gegenteil!

  6. Warum heute?

    Das Datum der Unterzeichnung der oben erwähnten Erklärung lädt ein, sich über den eigenen Platz in oder ausserhalb von "Kirche" klar zu werden. Ausserdem hat Anfang November der neue bayerische Landesbischof, Dr.Friedrich, sein Amt angetreten. Unsere Wege haben sich in meiner Dienst- und Ausbildungszeit verschiedentlich gekreuzt. Er war mein Vorgänger als Lehrvikar in Nürnberg St.Leonhard, wo ich bei meinen Versuchen noch die Nachbeben seiner Aktivitäten spüren konnte. Er hat mich als Dekan nach meiner Probezeit auf meine Anstellungsfähigkeit hin beurteilt, und zwar sehr positiv. Er war schliesslich an einer Stelle massgeblich daran beteiligt, dass das Video der "GROBEN POPEN" in der Weise gedreht wurde, wie es dann ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Als Bischof wird er die bayerische Kirche sicher wie ein moderner marktorientierter Geschäftsführer managen und strukturieren. Dass er dabei aber dasselbe Produkt vertreiben wird, von dessen Überflüssigkeit ich überzeugt bin, macht meinen Abschied aus dieser Kirche zu diesem Zeitpunkt stimmig.

Nachtrag:

- Meine Empfehlung für das Millenium: Schliesst alle Kirchen für ein Jahr zu und seht danach, ob es den Menschen besser oder schlechter geht!

- Meine Veranstaltung für die besinnliche Zeit: "Advent, Advent, ein Ketzer brennt! - Ein kritischer Lichterabend" am Sonntag, den 19.12. um 20 Uhr im Biergarten des Marientorzwingers, Nbg.

- Meine Ankündigung: Das "Predigt-Büchlein des GROBEN POPEN" wird im Dezember erscheinen - mit allen meinen Predigten und öffentlichen Reden seit Februar 1998. (online zu bestellen)

Und da war noch ... die Beobachtung, dass in dem von mir frequentierten Fitness-Studio gerade an den Sonntag Vormittagen kaum ein freier Platz an der Geräten zu kriegen ist. Welche Erfahrungen machen Menschen zu dieser Zeit an diesem Ort wohl mit sich selbst, auf die sie in einem Kirchengebäude verzichten müssen?

 

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Hat die Kirche Zukunft? - Ein Abschiedsgruss

Drei Vorbemerkungen

  1. Natürlich hat irgendeine Kirche irgendwo auf unserem Globus immer irgendeine Zukunft - sei es als Hüterin ihrer musealen Vergangenheit oder unter dem Deckmantel der Mission in Vereinnahmung vorgegebener religiös-kultureller Riten und Bräuche. Die Beantwortung obiger Frage in diesem pauschalen Sinne könnte demnach nur mit "ja" erfolgen.

  2. Eine Beantwortung dieser Frage "von aussen" unterliegt anderen Bedingungen als eine Antwort "von innen". Wer von innen und "qua Amt" an einer Zukunft der Kirche interessiert zu sein hat, hat praktisch keine Wahl in seiner Antwort, sonst müsste er sich im nächsten Moment nach aussen begeben. Eine Antwort von aussen hingegen hat die Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten und darf sich bei dieser Entscheidung von realen Beobachtungen, Erkenntnissen und zutagetretenden Entwicklungen leiten lassen.

  3. Grundlage der folgenden Aussagen sind demnach ein "Blick von aussen", der auf 25 Jahre "kirchliches Innenleben" zurückblickt, und dies im bayerischen evangelischen Raum. Dabei fliessen Dialogerfahrungen mit unterschiedlichsten Gruppierungen ein - von "Kerngemeinde" bis hin zu völlig entkirchlichten jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16 und ca. 26 Jahren.

10 Gründe dafür, obige Frage mit gutem Gewissen mit "NEIN" zu beantworten:

  1. Kirche ist ein äusserst schlechter Dienstleister. Ihre Angebote werden von bis zu 90% ihrer "Kunden" überhaupt nicht oder nur "zwangsweise" (z.B. kirchliche Eheschließung oder Taufe von Kindern auf Druck der Verwandten) in Anspruch genommen. Die darin dokumentierte Untertanenmentalität hat nichts mit wahren Überzeugungen zu tun.

  2. Kirche wäre als Firma längst konkurs - auch wenn der verzögernde Faktor des zu veräussernden "Tafelsilbers" mit berücksichtigt wird. Nur die letztlich verhängnisvolle Verknüpfung mit staatlich gewährten Steuereinnahmen hält die Illusion eines funktionierenden Betriebes aufrecht.

  3. Kirche als Arbeitgeber hält an Berufsbildern - z.B. für Pfarrer - fest, die vielfach vorhandene innovative Potentiale an ihrer Entfaltung hindern und stattdessen ein Normbild an Qualifikationen fördern, das am Bedarfsprofil unserer Gesellschaft vorbeizielt.

  4. Kirchliche Angebote und Inhalte werden von einer verschwindend kleinen Minderheit mit einem sehr spezifischen Erwartungsprofil formuliert: Der "Kerngemeinde" geht es darum, weiterhin der Kern bleiben zu dürfen; Veränderungen sind letztlich nur in marginalen Bereichen erwünscht. Das Volk hingegen ist längst aus der "Volkskirche" ausgewandert. Einladungen an "Aussenstehende" haben weitgehend nur Alibicharakter - würden die Eingeladenen (z.B. Punker oder Freigeister) wirklich kommen, dann wären die Rolläden schnell unten. Nur wer sich anpasst, findet einen Platz. Ohne "hochzeitlich Gewand" kein Zutritt!

  5. Kirche hat alle Hände voll zu tun mit ihrer eigenen Existenzsicherung und dem Nachweis ihrer Existenzberechtigung. Dabei hat sie die Wege zu den Menschen aus den Augen verloren, genügt sich selbst und ergeht sich im Schmücken und Beweihräuchern ihrer eigenen Innenwände. - Wer ist denn nun für wen da: Die Menschen für die Kirche oder die Kirche für die Menschen?

  6. Kirche hat sich bislang erfolgreich dagegen gewehrt, die geistesgeschichtliche Wende der Aufklärung inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen. Während menschliches Bewusstsein, Denken und Fühlen längst antike und mittelalterliche Standards hinter sich gelassen hat, werden sie in kirchlicher Sprache und im Kultus immer noch als letzte Wahrheiten hochgehalten.

  7. Kirche hat ihre eigene theologische Aufklärung ignoriert und verdrängt. Wer nach der Entmythologisierung des Neuen Testaments durch Rudolf Bultmann immer noch von Jungfrauengeburt, leiblicher Auferstehung und Himmelfahrt als bedingungslos beizubehaltenden Glaubensgütern ausgeht, zeigt damit nur seine Angst vor Veränderung.

  8. Kirche fehlt der Mut, ihren eigenen Ursprüngen ins Auge zu schauen und daraus Konsequenzen zu ziehen: Sie ist ein aus menschlichen Entscheidungen und Interessen heraus entstandenes Gebilde, das weder von Jesus gewollt noch durch eine göttliche Verfügung eingesetzt wurde. Sie darf demnach auch aus menschlichen Entscheidungen heraus beendet werden, wenn sie sich überlebt hat - um der Menschen willen, denen sie mehr schadet als nützt.

  9. Kirche fehlt der Mut, sich ihrer theologischen Lebenslüge zu stellen: Dass aus dem Verkündiger der Verkündigte wurde. Diese Pervertierung des jesuanischen Weges der Gottessuche zu einer institutionalisierten Erlösungsgabe für die ganze Menschheit hat bis in ihre monopolistischen Auswüchse hinein zu den aus der Kirchengeschichte bekannten Erscheinungen geführt und letztlich nur der Machtausübung und Kontrolle gedient. Statt Wege in die Freiheit wurden Wege in die kirchliche Abhängigkeit geschaffen.

  10. Kirche hat den Kontakt zur Vision Jesu verloren: Menschen zu einer autonom gelebten und verantworteten Gottes- und Gemeinschaftsbeziehung zu helfen, ansteckend heilend zu wirken, die große Umgebenheit von dem, was "Gott" meint, erlebbar zu machen. Impliziert ist hierbei das edelste und höchste Ziel von Kirche: Sich selbst entbehrlich zu machen. Diese Visionen sind längst aus dem kirchlichen Bereich ausgewandert und werden von Menschen gelebt und besungen, die dazu die Kirche tatsächlich nicht mehr brauchen!

 

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Predigtmeditation zum "Apostolischen Glaubensbekenntnis", 22.02.1998

Diese Predigt - gehalten in einem Gottesdienst in der Osterkirche in Nürnberg-Worzeldorf - löste den Skandal um den "GROBEN POPEN" Ernst Cran aus. Der Text der Predigt war vorher der Nürnberger Abendzeitung zugeleitet worden, was diese zum Anlass nahm, sie mit der Schlagzeile "Nürnberger Pfarrer jagt Kirche zum Teufel" anzukündigen. Die darauffolgenden Diskussionen führten trotz der positiven Resonanz in größten Teilen der Normalbevökerung zur Ablehnung des Antrages auf Übernahme in ein Pfarrerdienstverhältnis auf Lebenszeit durch die bayerische Landeskirche.

Christus spricht:"Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen". Amen. Liebe Schwestern und Brüder, seine Verwandtschaft kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Wir werden hineingeboren in eine Familie - Geschwister sind entweder schon da oder kommen - die Onkels und Tanten, die Nichten und Neffen, alles ist vorgegeben, keinerlei Einfluss möglich. Grade mal eben, dass wir uns vielleicht die Schwiegermutter aussuchen können. Unsere Eltern sind da, deren Eltern, deren Eltern, die Vorfahren. Alles ist ohne uns geschehen und gewachsen, wir sind das letzte Glied in einer langen Kette. Da gibt es dann große Unterschiede und nicht jeder verträgt sich mit jedem. Und überhaupt ist das ja mit den Vorfahren so eine Sache. Lernen sollen wir von ihnen, so sagen die Alten, von ihrer Lebenserfahrung und Weisheit. Lernen: ja - aber das muss nicht unbedingt heißen, alles nachzumachen. Wie würden unsere Konfirmandinnen aussehen, wenn sie z.B. alle die Frisuren ihrer Großmütter tragen würden? Also: Unterschiede müssen sein in einer Familie und über Generationen hinweg. Das kann sogar soweit gehen, dass irgendwann geradezu das Gegenteil von dem richtig ist, was vorher immer gegolten hat.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie heute einladen, zusammen mit mir einen guten alten Verwandten des Glaubens zu besuchen. Vertraut ist er uns und doch zuweilen sehr fremd. Dieser Verwandte ist schon sehr, sehr alt. Manches an ihm ist uns schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir seine Eigenart gar nicht mehr bemerken. Und deswegen möchte ich heute mit Ihnen einmal etwas genauer hinschauen auf diesen alten Verwandten des Glaubens - unser sogenanntes "Apostolisches Glaubensbekenntnis". Ich sage bewusst "sogenanntes" - denn es ist weder apostolisch - es stammt also nicht von den Aposteln, noch ist es überhaupt in Palästina entstanden. Es stammt aus Rom, und zwar aus dem 2.Jahrhundert. Jesus und seine Jünger also haben daran nicht als Verfasser mitgewirkt. Ich möchte mit Ihnen an diesem Text entlanggehen - Sie dürfen ihn dazu ruhig im Gesangbuch aufschlagen, er steht auf S.1150. Bei diesem Entlanggehen werden viele Fragen zu stellen sein, sicher auch verunsichernde und irritierende. Ich bitte Sie, diese Fragen zusammen mit mir auszuhalten. Aber: Das möchte ich schon vorwegnehmen: Ich werde auch nach einer Antwort mit Ihnen suchen. Das ist schwerer, als zu fragen. Aber ich denke, ein Angelhaken dafür lässt sich heute finden. Alles Weitere braucht Zeit und Gespräche. Nähern wir uns also diesem guten alten Verwandten, prüfen wir ihn an fast zwei Jahrtausenden seiner Wirkungsgeschichte, messen wir ihn am Bewusstsein aufgeklärter spiritueller Religiosität an der Schwelle zum 3.Jahrtausend - Punkt für Punkt, Aussage um Aussage:

"Ich glaube an Gott, den Vater" - ja, der Grundsatz aller Menschen, die sich als religiöses Wesen verstehen und empfinden. Aber: Darf ich auch "Mutter" sagen? Darf ich mir diesen Gott auch weiblich vorstellen? Zu viele Demütigungen hat das Weibliche in der Geschichte unserer Religion erdulden müssen. Darf das so bleiben, dass die Männer "Gott" einfach als einen der ihren für sich beanspruchen, um ihre eigenen Männlichkeitsneurosen über die Frauen zu ergießen? Das ist das Fatale, wenn ich "Gott" in menschliche Kleider stecke: Ich bin gezwungen, ihn Männlein oder Weiblein sein zu lassen. Der Preis dafür ist hoch. Womöglich sind uns da andere Religionen überlegen, die "das Göttliche" sein lassen, was es ist: Nämlich die alles bestimmende Kraft des Universums.
"den Allmächtigen". "Allmächt", möchte ich fast sagen. Wer Gott für allmächtig hält, der muss viele Ausreden erfinden: Für das viele Leid in der Welt und unter uns, für die vielen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten unter den Menschen. Und sogar für die vielen Millionen, die bis heute im Namen dieses Gottes ihres Lebens beraubt wurden. Ausreden gibt es viele, die uns Gottes Allmacht mit dieser erbärmlichen Welt zusammenbringen: Er straft uns, er züchtigt uns, er lässt uns die Freiheit des Handelns - doch ohne freien Willen - ja, sogar eine diabolische Ausrede gibt es: Der Teufel, Satan, wurde eigens dazu erfunden, um den allmächtigen heiligen Gott von allen Schweinereien dieser Welt fernzuhalten. Also: Wenn Gott allmächtig ist, dann muss er das alles auf seine Kappe nehmen - welch ein zynischer Götze wäre das! Oder wir akzeptieren endlich, dass wir die Machtfrage von der Gottesfrage zu trennen haben, damit Gott nicht noch öfters von den Mächtigen dieser Erde missbraucht werden kann.
"den Schöpfer des Himmels und der Erde". Ja, womöglich sogar "der Himmel und der Erden." Wer weiß denn, wieviele seiner Schöpfungen um uns herum im Universum noch existieren, ohne dass wir sie bemerken. Wer mit außerirdischem Leben rechnet, ist deswegen noch lange kein Ketzer! - Und diese, unsere Schöpfung? Wer den Schöpfer so preist, darf der dann mit seiner Schöpfung so umgehen? Keine andere Religion hat wie die unsere im Namen des Schöpfers die Schöpfung dermaßen malträtiert, dass es fast unaussprechlich ist. Kein Funken Ahnung mehr davon, dass wir in der Schöpfung den Schöpfer quälen, dass jedes Tier, jede Narbe dieser Erde und jedes verhungernde Kind ein Verbrechen an dem Schöpfer all dessen ist, den dieselben Täter im selben Atemzug über alles loben. Wer Schöpfer und Schöpfung trennt, holt sich den Freibrief für die größten Unverschämtheiten. - Nein: Wenn schon Schöpfer, dann in jedem Molekül seiner Schöpfung.
"Und an Jesus Christus" - genauer: Und wie Jesus, den sie den Christus nannten. Jesus hat nie beansprucht, der Christus zu sein. Im Gegenteil, er hat allzu aufdringliche Verehrer an Gott verwiesen: "Keiner ist gut außer Gott allein!" - Und: Er wollte nie wie ein Gott verehrt werden. Nicht er ist das Objekt der Anbetung, sondern der, mit dem er so eng verbunden war. Nun, Jesus hat das Schicksal Buddhas geteilt: Auch der wurde mit der Zeit immer höher gehoben, bis er im Himmel entschwand und mit Gott identisch war. - Nicht an Jesus glauben, sondern wie Jesus glauben, in diesem unbedingten Vertrauen, in dieser grenzenlosen Hingabe und Offenheit für die alles durchdringende Gegenwart Gottes.
"seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn". Hineingeboren - ja, in ein ganz normales menschliches Leben mit all seinen Herausforderungen und Möglichkeiten. "Einziggeboren"? - Nein! Wenn Gott nur einen Sohn hat, was sind dann wir? Entweder sind alle Kinder Gottes, oder keiner! Und deswegen: Nicht "Herr", sondern "Bruder". Vielleicht "großer Bruder", weil Jesus zweifellos ein paar Schritte weiter war als viele Menschen sich das heute für sich selber träumen lassen. Trotzdem: Bruder war er, der "Erstling" vielleicht, aber keiner von einem anderen Stern!
"Empfangen durch den Heiligen Geist" - Ich weiß: Sie kennen die Geschichte vom Engel, der zu Maria kam ... Ganz ehrlich: Wenn eine 16jährige schwanger wird, dann kann das auch heute viele Ursachen haben. Und so war das auch damals. Die Gesetze der Biologie sind zeitunabhängig. Und wenn Jesus keinen irdischen Vater gehabt haben sollte, dann würde ihn diese Tatsache eher unheimlich und fremdartig als menschlich machen. Also: Wenn der "Heilige Geist" bei Jesu Zeugung im Spiele war, dann doch nur so wie bei jeder Zeugung: Dass nämlich jedes Leben gewollt ist und den Funken des Göttlichen in sich trägt: Jedes Leben! Alles andere sind frühchristliche theologische Deutungen zur Begründung ideologischer Grundsätze, aber keine Berichte wahren Geschehens.
"geboren von der Jungfrau Maria". "Geheimnis des Glaubens" sagen die, die unbedingt daran festhalten wollen - und verdächtigen die anderen des Unglaubens. Ich sage es trotzdem: Wer seinen Verstand opfern will, um seinen Glauben zu retten, möge dies tun. Er möge es aber nicht von den anderen auch verlangen. Die Jungfrau kam zum Kind, weil der Prophet Jesaja Recht behalten musste und Jesus der prophezeite Messias sein sollte. Und so nebenbei wurde aus einer "jungen Frau" im Alten Testament eine "Jungfrau" im Neuen. Diese kleine Veränderung hat nicht nur Jesus die durch die so böse Sexualität weitergegebene Erbsünde erspart, sondern dazu ein über Jahrhunderte verheerend wirkendes Frauenideal geschaffen: Maria, die keusche, die willenlose, die zu allem bereite Magd des "Herrn". Viele Herren haben sich in der Geschichte des Christentums solcherart erzogener Mägde bedient und tun es noch heute.
"gelitten unter Pontius Pilatus" - ja, sicher: gelitten. Nicht nur unter diesem Römer, sondern unter vielen Menschen: Unter den ignoranten, unter den lieblosen, unter den geldversessenen, unter den frommen Heuchlern, unter den übermächtigen aufgeblasenen Wichtigtuern, die eben nichts taten als das, was immer schon getan wurde. Nur keinen Schritt weitergehen. - Da fällt mir ein: Fehlt da nicht was? Geboren und gelitten. War da nichts dazwischen? Es ist so: Unser Bekenntnis schweigt sich über das ganze Leben Jesu beharrlich aus. Als wäre da nichts passiert. Nur geboren, um dann zu sterben? Dieser Eindruck wird vermittelt. Ein falscher Eindruck, eine Schieflage des Empfindens wird hier provoziert! Geboren werden und leiden. Nichts Positives, nichts Schönes, nichts Erfreuliches. Offenbar besteht an all dem kein Interesse. Nur auf das Eine kommt es an, auf das folgende:
"gekreuzigt, gestorben und begraben". Gekreuzigt: Ja. Historisch ziemlich sicher verbürgt. Aber: Wussten Sie, dass man Kreuzigungen auch überleben konnte? Auch historisch verbürgt. Und: Sehr lange hat Jesus nicht am Kreuz gehangen. Es wurden Gekreuzigte noch nach 2 Tagen lebendig vom Kreuz genommen - auch wenn sie dem Augenschein nach tot gewesen waren. Menschen, die den "normalen" Christen als Ketzer gelten, sagen, Jesus sei nach drei Tagen nicht "auferstanden", sondern "aufgestanden", nachdem er von seinen Getreuen gesund gepflegt worden war. Er wäre dann nach einiger Zeit aus Palästina weggegangen und hätte seinen Weg nach Kaschmir genommen, um in diesem Hochtal mit den Nachkommen der von den Babyloniern deportierten jüdischen Bevölkerung zu leben. Eine irritierende Fragerichtung. - Einfach links liegen lassen? Oder doch ein paar Gedanken wert? Ein Grab Jesu gibt es auch in der Hauptstadt Kaschmirs, in Srinagar. Richtig begraben in Jerusalem wurde er ja gar nicht. Er wurde nur eilig - vor Sonnenuntergang - abgelegt. Und nach dem Sabbat war er schon nicht mehr da.
"hinabgestiegen in das Reich des Todes". Natürlich: Auch die vorher Verstorbenen sollten von der Heilstat am Kreuz profitieren. Erlösung rückwirkend. Parallelen zu den Ablassverkäufen des Mittelalters drängen sich auf: Das wurde nämlich daraus: Ein Opfer für das Jenseits, um die kirchlich verordneten Höllenstrafen zu ermäßigen. Die Hölle an sich aber bleibt tabu! Das darf es dann doch nicht geben: Erlösung für alle! Wo kämen wir da hin, wenn es keine Unterschiede gäbe zwischen den Rechtgläubigen und den anderen ...
"am dritten Tage auferstanden von den Toten". Ich habe es schon angedeutet: Wer für seinen Glauben einen wiederbelebten Leichnam braucht, der von demselben Gott aufgeweckt wird, in dessen Auftrag er zuvor hingemeuchelt worden war, der mag mit diesem Bild leben. Er möge dies aber nicht zur Bedingung für das ewige Seelenheil der gesamten Menschheit machen. - Auch wenn der Heidenmissionar Paulus da anders denkt: Es musste nicht jemand sterben, damit ich heute Gott nahe sein kann!
"aufgefahren in den Himmel". Schon wieder: Ein Vergewaltigungsversuch unseres Verstandes? Muss denn jeder verehrungswürdige Mensch so hoch gehoben werden, dass er schier unerreichbar wird und Vermittlungsinstanzen geradezu nach sich zieht? Reicht es uns Heutigen nicht, zu sehen, wie innig verbunden Jesus mit seinem Gott war, ohne dass wir gezwungen werden, uns einen Senkrechtstarter in die Wolken vorzustellen. Es gibt wahrlich lohnendere Gründe, einen Glauben der Lächerlichkeit preiszugeben als die Vorstellung einer Raumfahrt ohne Raumschiff, deren Unmöglichkeit uns jeder Astronaut belegen kann.
"er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten". Ist das das Ziel des Ganzen? Gericht halten, aburteilen, verdammen und belohnen? Angst hat jeder, der an ein solches Gericht denkt. Angst macht Beine, sagt man. Mit Angst kann man gut Geschäfte machen, sagt man auch. Angst machen können bedeutet Macht haben. Ist das die Allmacht, von der hier die Rede ist? Es steigert sich: Wann soll dieses Gericht sein? Morgen? Jetzt gleich? Zeitliche Ungewissheit hält die Angst am Kochen. Ob Jesus so gedacht hat? Sicher: Er hat geglaubt, das Reich Gottes breche noch in seiner Generation über die Welt herein. Paulus hat auch so gedacht. Sie haben sich getäuscht. Das Reich Gottes sollte kommen, so sagte einmal ein Theologe, aber gekommen ist: Die Kirche. Kirche - die Angstmacherin im Namen Gottes? Wie kann einer guten Gewissens dereinst im Himmel frohlocken, wenn er seine Geschwister in ewiger unentrinnbarer Höllenqual weiß? Kann ein Gott das mit ansehen, dass ein Teil seiner Geschöpfe für immer verstoßen ist? "Ich glaube an den Heiligen Geist". Ja, aber nicht nur glauben kann und will ich ihn, sondern spüren, erleben, von ihm durchdrungen und gepackt sein. Der Heilige Geist steht nicht nur auf dem Papier der Dogmatik, sondern durchdringt jede Sekunde und jeden Ort dieser Erde. Es ist der Geist des Lebens, der Veränderung und des Wachsens. Es ist der Geist, der seine Verbundenheit mit Gott, dem Ursprung aller Realität, entdeckt und erkennt. Es ist der Geist der Wahrheit.
"die heilige christliche Kirche". Nein! Ich glaube nicht an die Kirche, sondern in der Kirche. Eine Kirche, die Glauben an sich selbst verlangen würde, würde ihre Bestimmung verraten. Kirche ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Nicht Abhängigkeit soll sie bewirken, sondern Freiheit. Müsste es nicht oberstes Ziel jeder Kirche sein, sich eines Tages überflüssig zu machen - Menschen in die Freiheit und souveräne Selbstbestimmtheit ihrer Gottesbeziehung hinein zu geleiten und sie dann gehen zu lassen?
"Gemeinschaft der Heiligen". Ja, solange nicht die einen Heiligen die anderen Heiligen für Unheilige halten. Wenn "heilig" bedeutet: "zu Gott gehörig", dann sind wir alle Heilige, ob wir das wissen und ernstnehmen oder nicht. "Vergebung der Sünden". Wie wichtig, dass wir miteinander ins Reine kommen. Zwischen uns muss das geschehen, liebe Geschwister. Zwischen uns muss das wahr werden: Feindbilder wegwerfen, Urteile weglassen, hinschauen und fragen: Wer bist du, der du so anders bist als ich? Was können wir voneinander lernen, damit es in unserer Welt mehr Glück und Freude gibt? Wir brauchen keinen Heilsapparat, der uns Vergebung von oben verkauft. Wir brauchen den Willen, mit dem einen Menschen da klarzukommen; ihn so sein zu lassen, wie er ist und selbst so zu sein, wie ich bin. Vergebung schafft Wahrheit. Und Wahrheit schafft Freiheit.
"Auferstehung der Toten und das ewige Leben". Eine Vision, die das auf den Punkt bringt, was Jesus gelebt hat: Leben soll leben dürfen, im Namen Gottes. Alles, was Leben behindert, soll weiterentwickelt und weitergedacht werden - ohne falsche Scham und ideologische Barrieren. Nichts ist ein Gut für sich, alles kann ein Gut für das Leben werden. Ewiges Leben beginnt jetzt, in dieser Sekunde. Es ist kein Zeitbegriff, sondern ein Qualitätsbegriff! Keine Vertröstung, sondern das, was jederzeit in mir steckt. Wenn ich diese Qualität entdecke und ernstnehme, werde ich tatsächlich meine Wunder erleben.
Das letzte Wort: "Amen". So sei es! Soll es so sein? Hat unser guter alter Verwandter des Glaubens sich das verdient, so bleiben und sein zu sollen, liebe Schwestern und Brüder? - Was bleibt - außer vielen Fragen? - Ich erinnere Sie zum Schluss an die Lesung, die wir vorhin gehört haben: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen". Die Liebe bleibt. Ohne die Liebe ist alles andere nichts. Die schönsten Gottesdienste, die tiefsten theologischen Erkenntnisse, die schmerzhaftesten Opfer. Die Liebe macht es. Sie macht aus Glaube Interesse, sie macht aus Hoffnung Perspektive, sie macht aus Aktion Hingabe. - Wie also kann ein liebevoller Umgang mit unserem guten alten Verwandten, dem Glaubensbekenntnis, aussehen? Lassen Sie es mich mit einem Bild sagen. Mit einem Bild im Hinblick auf diesen Mann am Kreuz, der sich selbst totgeliebt hat: Dieser Mann ist immer noch festgenagelt. Jedes Dogma, jeder Lehrsatz, jede Glaubensgewohnheit kann zum Nagel in seinem Fleisch werden. Es wird Zeit, diese Nägel endlich herauszuziehen. Es wird Zeit, diesen Mann endlich zu beerdigen, damit er wirklich auferstehen kann. Die Nägel aus dem Fleisch, damit er mit seinen Armen wieder umarmen kann. Die Nägel aus dem Fleisch, damit seine Füße ihn wieder unter uns bringen - zu lange schon hängt er über uns. Die Nägel aus dem Fleisch, damit er uns wieder nahe kommen kann - und mit ihm die befreiende Kraft seiner Gottesgewissheit.

- Gute alte Verwandte des Glaubens sind und waren nicht umsonst. Sie haben in ihrer Zeit ihren Beitrag zur Glaubensgeschichte geleistet. Aber wer sie mit der Wahrheit verwechselt und ihnen das Mäntelchen ewiger Gültigkeit umhängen will, der kreuzigt diesen Mann aus Nazareth aufs Neue. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus. Amen.

     
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